An einem Märztag des Jahres 2005 schiebt Michael Münkwitz sich einen Stuhl zurecht, stellt sich drauf und nimmt die alte Trompete vom Nagel. Er hält ein 350 Jahre altes Instrument in den Händen, gefertigt von Wolf Birckholtz, einem Schüler von Hanns Hainlein, dem berühmten Nürnberger Instrumentenbauer. Dietmar Cassel, Pastor der Belitzer Gemeinde südlich von Rostock, erinnert sich noch gut an den verlorenen Blick des Trompetenbauers: „Michael Münkwitz war erst sprachlos und dann völlig von den Socken. Die Trompete hatte schon immer da gehangen, in unserer Dorfkirche am Epitaph des Stabstrompeters Jacob Hintze. Auf der anderen Seite hing sein Säbel. Aber der wurde irgendwann geklaut. Die alte Trompete schützte wohl ihre Hässlichkeit: Die Kordeln waren vergammelt von der Feuchtigkeit, das Blech war schmutzig und voller Farbflecken. Die Maler hatten bei der Restaurierung der Kirche einfach drum herumgemalt.“ Michael Münkwitz sah sofort, durch all den Dreck hindurch, dass es sich nicht um irgendeine Trompete handelte: „Gerade Rohre, sauber gearbeitete Endstücke, erstklassige Gravuren am Schallstück und eine für diese Zeit bemerkenswert glatte Oberfläche – da war ein Profi am Werk.“ Jetzt liegt die Trompete in seiner Werkstatt auf dem Tisch. Vorsichtig zeigt er die Stelle des Instruments, an dem sich offenbart, ob sie nur „gebastelt“ wurde oder das Werk eines Meisters ist: Die Lotnaht, an der ein Streifen Messingblech zu einem Rohr verlötet wird – so genau und haltbar, dass das Blech auch die Prozeduren des Aufreibens, Feilen, Schabens und Treibens unbeschadet überstand. „Die Zähne passen genau ineinander. Kein Flecken Lötzinn ist zu sehen. Der Mann verstand sein Handwerk.“ Posthume Hochachtung für einen längst verstorbenen Kollegen. Dass sich Michael Münkwitz Handschuhe anzieht, bevor er das Stück berührt, ist keine Marotte: Der Handschweiß könnte das über die Jahrhunderte angegriffene Messing zusätzlich schädigen. Über den Wert der Trompete möchte er erst nichts sagen: „Für mich ist der ideelle Wert entscheidend. Der ist unschätzbar.“ Später, nach einigem Drängen, schätzt er doch: „Wenn sich ein wirklicher Sammler findet, würde er für die Trompete im Auktionshaus ‚Sothebys’ sicher 10 bis 20 000 Euro hinlegen.“ Immerhin - ein Mittelklassewagen. Michael Münkwitz schüttelt den Kopf - ehrlich entsetzt über ein solches Banausentum: „Kommt gar nicht in Frage: Das Instrument befindet sich im Besitz der Kirchgemeinde Belitz, das habe ich vertraglich geregelt. Dabei bleibt es, auch wenn das Instrument mal als Dauerleihgabe in einem Museum landen sollte.“
Es scheint ihm heute, als habe das Instrument nur auf ihn gewartet. Den Tipp hatte er von Kirchenmusikdirektor Prof. Hartwig Eschenburg bekommen, dessen Blicke bei seinen Wanderungen mit dem Jugendchor durch die Dorfkirchen bereits im September 1982 an dem Instrument hängen geblieben waren. „Ich sah, dass es ein Originalinstrument war, so wie man es von Grabbeigaben her kannte,“ erzählt Hartwig Eschenburg. „Dazu passte ja auch der Fundort am Epitaph.“ Dennoch vergehen noch mehr als fünfzehn Jahre, bevor Hartwig Eschenburg dem Trompetenmacher von seiner Entdeckung berichtet.
„Seit Ende der 90er klebte eine Notiz ‚Trompete Belitz’ in meinen Aufzeichnungen. Immer zum Jahreswechsel wanderte sie mit in den neuen Kalender.“ Das wäre vielleicht bis heute so weitergegangen, wenn nicht die ARD die Doku-Serie „Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus“ gedreht hätte – in Klein Belitz. „Als ich das sah, wurde mir auch klar, dass dieses Belitz der Nachbarort von Prebberede ist – dem Ort, in dem ich jeden August ein ‚Klassik Open Air’ veranstalte. Ich hatte also über die Jahre schon etliche Gelegenheiten zu einer Stippvisite verstreichen lassen, war x-mal an der Kirche vorbeigefahren!“ Als er früh um acht Uhr zum Telefonhörer greift, Pastor Dietmar Cassel anruft und sagt, dass er in einer halben Stunde da ist, denkt Michael Münkwitz immer noch an eine dieser Infanterietrompeten aus dem 1. Weltkrieg, wie sie auf den Flohmärkten zu finden sind. „Als ich den Namen Birckholtz und die Jahreszahl las, hat es mich umgehauen. Vielleicht mag es für andere eine kleine Sensation sein – für mich war es eine große“.
Erste Recherchen belegen die Einmaligkeit des Fundes: Von Wolf Birckholtz (? - 1701) existieren noch zwei Posaunen und eine aus Teilen verschiedener Instrumente zusammengesetzte Trompete aus dem Jahre 1680, die in Kopenhagen ausgestellt wird. „Es ist – bis auf das fehlende Mundstück - nicht nur die einzige komplett erhaltene Trompete von Birckholtz,“ erzählt Michael Münkwitz. „Sondern wahrscheinlich auch seine erste Arbeit als Instrumentenbaumeister. Oder gar sein Meisterstück: Die Jahreszahl 1650 ist eingraviert. In diesem Jahr eröffnete Wolf Birckholtz – nach seiner Gesellenzeit bei Hanns Hainlein - seine eigene Werkstatt in Nürnberg.“
Weitere Untersuchungen geben Rätsel auf: Einige Teile der Trompete sind feuervergoldet. „Messingblech zu vergolden macht keinen Sinn. So etwas findet man nur zusammen mit Silber-Oberflächen, wo der Kontrast groß genug ist, um eine dekorative Wirkung erzielen zu können,“ sagt Michael Münkwitz. „Ich glaube, Birckholtz hat die Alterung des Messings schon bei der Herstellung einbezogen: Nach einigen Jahren wäre der Unterschied zwischen der Messing-Patina und den vergoldeten Knäufen aufgefallen.“ Seinen Kollegen Rick Seraphinoff befriedigt diese Erklärung nicht. Der Instrumentenbauer und Horn-Professor von der Universität Bloomington in Indiana ist seit Jahren dabei, wenn Michael Münkwitz einen seiner international besuchten Workshops veranstaltet, in denen die Teilnehmer eine Naturtrompete nachbauen – nach dem Modell eines Instrumentes von Hanns Hainlein. Beide haben die Belitzer Trompete vermessen, derzeit werden die Spezialwerkzeuge angefertigt, um sie dann gemeinsam originalgetreu nachbauen zu können.
Auf Michael Münkwitz warten jedoch noch einige Tage im Archiv der evangelischen Landeskirche Mecklenburg: Dort liegen die Kirchenbücher, die hoffentlich Auskunft geben werden über den Besitzer des Instrumentes, den Stabstrompeter Jacob Hintze. Der hatte für seine Dienste im Dreißigjährigen Krieg statt eines Soldes eine Kneipe im Nachbarort Neu-Heinde bekommen. Das hölzerne Epitaph in der Belitzer Kirche erzählt von seinem Tod im Jahre 1677: Er wird von einem geharnischten Mann erdolcht, seine Frau, seine beiden Töchter und vier Söhne stehen dabei. Die Überlieferung berichtet, es sei ein Eifersuchtsdrama gewesen: Der Mörder war der gehörnte Ehegatte, der später für diese Tat hingerichtet wurde. In dieser schaurigen Geschichte sind noch etliche Fragen offen: Welche Stadt ist auf dem Epitaph abgebildet? Wieso bekommt ein Ehebrecher ein Epitaph, auf dem auch noch eine ruchlose Tat dargestellt wird. Was hat Jacob Hintze mit dem gleichnamigen Komponisten und Musiker zu tun, der 1702 in Berlin starb - der Stadt, in der auch Stabstrompeter Hintze stationiert war? Sind die kaum leserlichen Inschriften noch zu entziffern?
Bis zum 24. Juni des nächsten Jahres will Michael Münkwitz Antworten gefunden haben. Dann feiert Belitz sein 775. Jubiläum mit einem großen Trompeten-Konzert. Weil die Originaltrompete dann natürlich bereits in einem Museum, mindestens aber in einem Safe gelandet ist, soll eine Kopie wieder an das Epitaph gehängt werden – genau an den Nagel, an dem das Instrument des Stabstrompeters Hintze über 300 Jahre auf seinen Entdecker wartete.
Frank Schlößer, Journalist Georg-Büchner-Straße 11 18055 Rostock Tel: 0381 - 2018680 Fax: 0381-2018682 Handy 0175 - 5668637
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